Sechster Sonntag der Osterzeit

Apostelgeschichte 15, 1-30

1 Es kamen einige Leute von Judäa herab und lehrten die Brüder: Wenn ihr euch nicht nach dem Brauch des Mose beschneiden lasst, könnt ihr nicht gerettet werden.

2 Da nun nicht geringer Zwist und Streit zwischen ihnen und Paulus und Barnabas entstand, beschloss man, Paulus und Barnabas und einige andere von ihnen sollten wegen dieser Streitfrage zu den Aposteln und den Ältesten nach Jerusalem hinaufgehen.

3 Die Gemeinde gab ihnen das Weggeleit. Dann zogen sie durch Phönizien und Samarien; dabei berichteten sie den Brüdern von der Bekehrung der Heiden und bereiteten damit allen Brüdern große Freude.

4 Bei ihrer Ankunft in Jerusalem wurden sie von der Gemeinde und von den Aposteln und den Ältesten empfangen. Sie erzählten alles, was Gott mit ihnen zusammen getan hatte.

5 Da erhoben sich einige aus der Partei der Pharisäer, die gläubig geworden waren, und sagten: Man muss sie beschneiden und von ihnen fordern, am Gesetz des Mose festzuhalten.

6 Die Apostel und die Ältesten traten zusammen, um die Frage zu prüfen.

7 Als ein heftiger Streit entstand, erhob sich Petrus und sagte zu ihnen: Brüder, wie ihr wisst, hat Gott schon längst hier bei euch die Entscheidung getroffen, dass die Heiden durch meinen Mund das Wort des Evangeliums hören und zum Glauben gelangen sollen.

8 Und Gott, der die Herzen kennt, hat dies bestätigt, indem er ihnen ebenso wie uns den Heiligen Geist gab.

9 Er machte keinerlei Unterschied zwischen uns und ihnen; denn er hat ihre Herzen durch den Glauben gereinigt.

10 Warum stellt ihr also jetzt Gott auf die Probe und legt den Jüngern ein Joch auf den Nacken, das weder unsere Väter noch wir tragen konnten?

11 Wir glauben im Gegenteil, durch die Gnade Jesu, des Herrn, gerettet zu werden, auf die gleiche Weise wie jene.

12 Da schwieg die ganze Versammlung. Und sie hörten Barnabas und Paulus zu, wie sie erzählten, welch große Zeichen und Wunder Gott durch sie unter den Heiden getan hatte.

13 Als sie geendet hatten, nahm Jakobus das Wort und sagte: Brüder, hört mich an!

14 Simon hat berichtet, dass Gott selbst zuerst darauf geschaut hat, aus den Heiden ein Volk für seinen Namen zu gewinnen.

15 Damit stimmen die Worte der Propheten überein, die geschrieben haben:

16 Danach werde ich mich umwenden / und die zerfallene Hütte Davids wieder aufrichten; / ich werde sie aus ihren Trümmern wieder aufrichten / und werde sie wiederherstellen,

17 damit die übrigen Menschen den Herrn suchen, / auch alle Völker, / über denen mein Name ausgerufen ist – / spricht der Herr, der das ausführt,

18 was ihm seit Ewigkeit bekannt ist.

19 Darum halte ich es für richtig, den Heiden, die sich zu Gott bekehren, keine Lasten aufzubürden;

20 man weise sie nur an, Verunreinigung durch Götzenopferfleisch und Unzucht zu meiden und weder Ersticktes noch Blut zu essen.

21 Denn Mose hat seit alten Zeiten in jeder Stadt seine Verkünder, da er in den Synagogen an jedem Sabbat verlesen wird.

22 Da beschlossen die Apostel und die Ältesten zusammen mit der ganzen Gemeinde, Männer aus ihrer Mitte auszuwählen und sie zusammen mit Paulus und Barnabas nach Antiochia zu senden, nämlich Judas, genannt Barsabbas, und Silas, führende Männer unter den Brüdern.

23 Sie gaben ihnen folgendes Schreiben mit: Die Apostel und die Ältesten, eure Brüder, grüßen die Brüder aus dem Heidentum in Antiochia, in Syrien und Kilikien.

24 Wir haben gehört, dass einige von uns, denen wir keinen Auftrag erteilt haben, euch mit ihren Reden beunruhigt und eure Gemüter erregt haben.

25 Deshalb haben wir einmütig beschlossen, Männer auszuwählen und zusammen mit unseren geliebten Brüdern Barnabas und Paulus zu euch zu schicken,

26 die beide für den Namen Jesu Christi, unseres Herrn, ihr Leben eingesetzt haben.

27 Wir haben Judas und Silas abgesandt, die euch das Gleiche auch mündlich mitteilen sollen.

28 Denn der Heilige Geist und wir haben beschlossen, euch keine weitere Last aufzuerlegen als diese notwendigen Dinge:

29 Götzenopferfleisch, Blut, Ersticktes und Unzucht zu meiden. Wenn ihr euch davor hütet, handelt ihr richtig. Lebt wohl!

30 Man verabschiedete die Abgesandten und sie zogen hinab nach Antiochia, riefen die Gemeinde zusammen und übergaben ihr den Brief.

31 Sie lasen ihn und freuten sich über den Zuspruch.

32 Judas und Silas, selbst Propheten, sprachen den Brüdern mit vielen Worten Mut zu und stärkten sie.

33 Nach einiger Zeit wurden sie von den Brüdern in Frieden wieder zu denen entlassen, die sie abgesandt hatten.

34 [Einzelne Textzeugen fügen hier ein: Silas aber beschloss dazubleiben; so reiste Judas allein (nach Jerusalem) ab.]

35 Paulus aber und Barnabas blieben in Antiochia und lehrten und verkündeten mit vielen anderen das Wort des Herrn.

Predigt “Heute schon gestritten?”

Heute schon gestritten? Wann war ihr letzter Streit? Wann flogen regelrecht die Fetzen?Ist Streiten eigentlich immer etwas Schlechtes? Konflikte gehören zum Leben. Wo Menschen zusammen leben oder arbeiten darf es kein konfliktfreies Leben geben, behaupte ich. Es ist dann eine Sache der Definition, ob wir das streiten nennen oder diskutieren oder einen gemeinsamen Weg suchen, um eine gute Lösung ringen. Aber Menschen sind verschieden und wer von vorneherein keine Konflikte zulassen will, leugnet das. Oder er hat die Macht, Konflikte zu unterdrücken.

Es gibt Interessen-Konflikte: Soll der Gottesdienst um 10 Uhr oder um 11 Uhr anfangen? Es gibt Zielkonflikte: Was ist eigentlich jetzt in der Gemeinde dran? Wohin wollen wir als Gemeinde? Es gibt Weg-Konflikte: Wie erreichen wir das Ziel, Menschen für Jesus zu gewinnen, Menschen in die Gemeinde zu integrieren, Menschen zu begleiten, alte Menschen, Familien, Kranke aber auch Mitarbeiter zu begleiten. Es gibt Werte-Konflikte: Darf ein Paar vor der Ehe zusammenziehen? Es gibt theologische Konflikte: Dürfen Menschen ohne Taufe Gemeindemitglieder werden?

Das Negative ist nicht der Konflikt, sondern wie wir damit umgehen! Ein Konflikt ist keine Sünde! Aber wir können im Konflikt sündigen! Menschen weichen Konflikten aus, weil sie Angst haben verletzt zu werden. Man wird nicht ernst genommen. Oder eine Beziehung hält einen Konflikt nicht aus. Man fürchtet persönliche Ablehnung.

Es gibt Sturköpfe, die meinen, auf jeden Fall Recht zu haben. Dickköpfe, die kompromisslos ihre Meinung durchsetzen. Es gibt Feiglinge, die hinterm Rücken reden. Habe ich auch erlebt: „Weißt du was die oder der in der Gruppe über dich gesagt hat?“ Das tut weh, wenn man dachte, eine gute Beziehung zu dieser Person zu haben. Es gibt sehr empfindliche Menschen: „Du hast mir wehgetan! Das werde ich nie vergessen.“ Und, vielleicht das Traurigste, es gibt Hass, Ablehnung, harte Urteile über andere. „Mit denen rede ich nicht mehr!“ habe ich nach einem Konflikt von einem aus der Gemeinde über andere in der Gemeinde sagen gehört. Sache und Person werden nicht unterschieden. Man fällt aus der Liebe und fühlt sich gut dabei. Man fühlt sich im Recht.

Genug davon. Das wissen wir alle: Menschen sündigen in Konflikten. Auch Christen können sehr ungeistlich werden. Man kann sich von Jesus trennen in Konflikten. Aber schlimmer ist es immer noch, Konflikte zu meiden. Wenn man Konflikte vermeidet, sie nicht offen angeht, entscheidet entweder die Tradition, dann bleibt alles wie es ist, oder es entscheidet der Stärkere, der die Macht hat. Er spricht das Machtwort. Darum jetzt also ein positives Beispiel. Wir finden es in der Bibel, in der Apostelgeschichte.

Die Einheit der Christen damals wurde in einer sehr schwierigen Frage gewahrt. Wie aber wurde die Entscheidung getroffen? Wie ist man miteinander umgegangen?

Barnabas und Paulus waren von ihrer Missionsreise zurück nach Antiochia gekommen, die große Stadt im heutigen Syrien, das zweite große Zentrum der Christen neben Jerusalem. Im Süden der heutigen Türkei waren viele zum Glauben gekommen. Darunter viele Heidenchristen. Auch in Antiochia gab es sie: Christen, die vorher keine Juden waren. Menschen aus anderen Völkern, anderen Religionen, die Jesus als den Herrn angenommen hatten.

Die Bekehrung der Heiden aber führte zu sehr großen Fragen. In Jerusalem hatte man von der Bekehrung der Heiden gehört: Müssen die Bekehrten sich beschneiden lassen? Sind nicht alle Christen auch Juden? Konnten diese Heiden außerhalb des Volkes Gottes Anteil an Gott haben, an Jahwe, dem Gott Israels? In Antiochia haben sie sich das erste Mal „Christen“ genannt, „die des Christus“, „die Christus gehören“. Sollten sie, wollten sie, konnten sie etwas anderes sein, neben Israel? Wie sah es aus es mit dem Alten Bund, mit dem Gesetz, mit den Geboten des Alten Testamentes?

Einige in Jerusalem hatten eine klare Meinung. Sie reisten nach Antiochia und lehrten die Christen, dass man sich beschneiden lassen muss, wenn man sich bekehrt hat und zur Gemeinde Jesu gehören wolle. „Sonst könnt ihr nicht gerettet werden!“ sagten sie. Die Beschneidung ist das Zeichen der Gotteskindschaft, älter als die zehn Gebote! Das kann doch nicht einfach wegfallen! Hier geht es am Ende um den ganzen Weg der Christenheit.

Es ist wichtig, Konflikte nicht zu scheuen!

Die Christen in Antiochia sagen ihre Meinung. Das ist die Voraussetzung für einen Konflikt. Zum Glück haben sie ihre Meinung gesagt! Und zum Glück wurden sie nicht einfach untergebuttert. Es wird diskutiert. Es wird heiß diskutiert. Es gab Streit in Antiochia. Einen „nicht geringen Streit“, schreibt Lukas. Muss man tun, was von Jerusalem kommt? Petrus war dort der große Mann, immerhin: Petrus! Der erste Papst ist er doch, oder? Darf man in Antiochia einen eigenen Weg gehen? Wie kann die Einheit der Gemeinde Jesu gewahrt werden?

Es entscheidet weder einer alleine noch eine erwählte Gruppe.

Die Christen in Antiochia schicken eine Gesandtschaft nach Jerusalem, angeführt von Paulus und Barnabas. Diese Frage übersteigt die Kompetenz einer einzelnen Gemeinde. Da muss man sich abstimmen. Hier geht es um die Einheit der Christen über Antiochia hinaus.

Es entscheidet nicht eine Gemeinde alleine.

Die Gesandten von Antiochia aber wollen sich auch nicht einfach eine Entscheidung in Jerusalem abholen. Sie wollen argumentieren. Sie wollen ihre Sichtweise, ihre Erkenntnisdort zur Sprache bringen.

Es ist wichtig, seine Meinung zu sagen!

Eine kleine Notiz von Lukas ist noch interessant: Unterwegs besuchen die Brüder aus Antiochia andere Gemeinden in Phönizien und Samaria. Die Gemeinden hatten Kontakt untereinander. Man wusste voneinander, nutze solche Gelegenheiten. Auch die Christen in Phönizien und Samaria freuen sich über die Bekehrung der Heiden. Vielleicht gab es dort auch schon bekehrte Heiden. Die Frage der Beschneidung betrifft nicht nur die Gemeinde Antiochia.

In Antiochia also diskutiert die ganze Gemeinde. Wie wird es in Jerusalem sein? Lukas schreibt (V4): „Als sie in Jerusalem ankamen wurden sie empfangen von der Gemeinde und den Aposteln und Propheten.“ – Auch dort ist es keine Frage für die Spezialisten. Wieder erzählen Paulus und Barnabas ausführlich.

Alle Informationen müssen auf den Tisch. Volle Transparenz ist wichtig!

Auch Christen, auch Gemeindeleitungen, können taktieren. Die Entscheidung ist eigentlich schon gefallen. Die Gemeinde bekommt nur die Informationen, die die Entscheidung der Gemeindeleitung unterstützen. Eine offene Diskussion ist nicht erwünscht. Das macht eine Kirche, eine Gemeinde, eine Gruppe nicht mündig. Die anderen werden nicht ernst genommen. „Wissen ist Macht“ sagt man. Alle müssen alle nötigen Informationen bekommen, wenn sie mit denken und mit entscheiden sollen. Paulus und Barnabas erzählen ausführlich. Und dann geht in Jerusalem die Diskussion los.

Jeder kann seine Meinung sagen und findet Gehör.

Einige bekehrte Pharisäer reden als Erste. Nicht die Apostel, nicht die Ältesten! Daher ist es auch falsch, dieses Kapitel „Apostelkonzil“ zu nennen! (Meistens wird diese Versammlung so bezeichnet) Hier diskutieren und entscheiden nicht Apostel. Das ist eine große Gemeindeversammlung. Für die bekehrten Pharisäer ist die Sache klar: Man muss diese Heidenchristen beschneiden. Sie müssen das Gesetz halten. Nach einiger Diskussion ziehen sich die Apostel und Ältesten zurück, um über die Frage zu beraten (V6).

Die Verantwortlichen denken vor, entscheiden aber nicht.

Es kommt zu einem verschachtelten Miteinander des Leitungsgremiums und der Gemeindeversammlung. Die Apostel denken vor, beten darüber, überlegen vielleicht, was Jesus dazu sagen würde; die Apostel kannten ihn ja.Dann geht die Gemeindeleitung wieder vor die Gemeinde.

Das menschliche Urteil wird nicht mit Gottes Wort gleichgestellt.

Jakobus hat mit anderen Worten in Jerusalem gesagt: „Das war schon immer so. Das ist in allen Synagogen so!“ Und in Korinth sagen sie einige Jahre später: „Bei uns war das nie so und soll nicht gelten. Wir befragen den Entschluss von damals kritisch!“ – In Korinth gab es viele Christen, die Fleisch gegessen haben, das vorher Götzen geopfert wurde.

Es gibt gute Entscheidungen für eine Zeit, die keine Entscheidungen für die Ewigkeit sind.
Auch frühere Entscheidungen dürfen kritisch geprüft werden.

Wenn es anders wäre, wie gesagt, dürften wir Christen heute bei keinem normalen deutscher Metzger unser Fleisch kaufen: die Tiere sind nicht voll ausgeblutet, nicht geschächtet worden. Im weiteren Verlauf in Apostelgeschichte 15 wird der Brief an alle Gemeinden dann zitiert. Mit einer Formulierung darin will ich schließen: „Es gefällt uns und dem Heiligen Geist euch weiter keine Last aufzulegen!“ (V 28) schreiben die Absender.

Das ist das Ziel. Darum geht es bei solchen Konflikten in der Gemeinde. Was will der Herr der Gemeinde? Wo hören wir seinen Geist? Was uns gefällt kann absolut falsch sein. Auch Mehrheitsentscheidungen können falsch sein. Die Frage ist: Haben wir auf Gott gehört? Haben wir gebetet und überlegt, wo Gottes Geist uns hinhaben will? Haben wir Jesus unser Vertrauen und unseren Gehorsam gezeigt in dieser Frage? Was uns gefällt muss Gottes Geist deshalb noch lange nicht gefallen.

Konflikte gehören zum Leben und wir dürfen sie um Gottes Willen nicht scheuen! Und er schenke es uns, dass wir dann immer wieder auch sagen dürfen – nicht mit Sicherheit aber mit einer inneren Gewissheit: „Es gefällt uns und dem Heiligen Geist“ so zu entscheiden.

Pfarrer Michael Jäger Or.