Kolumne – Freund und Feind

Freund und Feind

„Meine Feinde reden böse über mich.“ (Psalm 41,6)
Wer kennt das nicht: üble Nachrede, Verdrehung von Wahrheiten, Halbwahrheiten.
Dann vielleicht auch noch in den Medien, in der Öffentlichkeit.
Wenn einmal solches Reden in der Öffentlichkeit ist, kann man es nicht mehr löschen, nicht mehr zurückholen. Solches Reden bleibt an dem Beschuldigten haften, selbst wenn sich später herausstellt: Es stimmt nicht. Oder: Es ist ganz anders, als wie es in der Öffentlichkeit dargestellt wurde.
Und dann kommt das Schlimmste. „Auch mein Freund, dem ich vertraute.“ (Psalm 41,9) – der Freund aus Kindertagen, der freundliche Nachbar, eine Glaubensschwester oder ein Glaubensbruder, ein Mitglied aus der eigenen Familie.
Das ist bitter: Nicht nur üble Nachrede, sondern auch noch Vertrauensmissbrauch – das Ende einer vertrauensvollen Beziehung, die nur schwer wieder aufgebaut werden kann.
Selbst durch Kirchenzeitungen und kirchliche Autoren kann so etwas alles passieren.
Ja, der Feind sitzt manchmal in den eigenen Reihen.
Von meinem Gemeinschaftsgründer, dem Heiligen Philipp Neri, ist beispielsweise eine Episode überliefert. Philipp Neri begleitet einen Freund und Beichtkind zum Galgen. Er war wirklich ein Räuber, und wegen seiner Verbrechen wurde er auch zu Recht verurteilt.
„Sag mal, Vater Philipp, warum hat der Teufel gerade mich ausgewählt?“, darauf Philipp Neri: „Weil Du der Beste bist“.
Gerade in der Auseinandersetzung mit dem Bösen, in der Auseinandersetzung mit dem Feind dürfen wir auf die Hilfe und die Begleitung eines gnädigen Gottes hoffen. Das wusste auch schon der Beter im Psalm 41: „Du aber Herr, sei mir gnädig, richte mich auf.“ (Psalm 41,11)
Ich kann Zuversicht bekommen, Hoffnung, und auch unvermittelt Kraft durch Menschen, die ich als Helferinnen und Helfer gar nicht erwartet habe.
Manchmal fallen mir sogar Worte oder Aktionen ein, die mir einen Weg aus der Bedrängnis aufzeigen.
Schau ich nun auf diesen Psalm, dann scheint mir eins aber sehr wichtig: Das Gebet.
Ich muss alles im Gebet vor Gott bringen, alles – auch den vermeintlichen Feind.
Und ich schau auf unseren Herrn Jesus Christus, der einmal gesagt hat: „Liebet eure Feinde, betet für die, die euch verfolgen“ (Mt 5,44).
Für Jesus Christus ist aber auch der Feind ein Dämon oder letztlich der Teufel. Diesen hat er bekämpft, Dämonen hat er ausgetrieben. Ja, den Teufel oder die Dämonen oder einfach das Böse in einem Menschen – das sollte man bekämpfen, niemals jedoch den Menschen.
Pfarrer Thomas Bohne, Pfarrei St. Philipp Neri in Leipzig-West