Bericht über die Entstehung und den Aufführungsabend der Philipp-Neri-Performance

Zum 500. Geburtstag von Philipp Neri in diesem Jahr produzierte das Leipziger Oratorium eine Thearmance, die im Juni auf Tournee geht.

Bei unserem ersten Treffen im Juli 2014 tauschten wir uns aus: Kata (bildende Künstlerin), Samira und Stefan (Figurenspieler) und ich, Katja (Theaterwissenschaftlerin).

Wir haben verschiedene Arbeitsweisen und Zugänge, doch gemeinsam, dass wir den heiligen Philipp Neri nicht kannten. Schnell war man sich einig:

Wir wollten nichts „Heiliges“, sondern die Spiritualität Neris audio/visuell erfahrbar machen. In Form einer Performance mit Objekten und Figuren Passagen aus dem Leben und Wirken des Heiligen erzählen. Und wir wollten den gesamten Kirchenraum nutzen, bespielen und gestalten, nicht „nur“ vor einem Publikum etwas vorführen, sondern mit Ihnen zusammen den Geist Neris auferstehen lassen.

Bis zu den ersten Proben lasen wir uns in Neris Leben ein und auch in den kirchengeschichtlichen Hintergrund: Der gebürtige Florentiner galt als bedeutende Persönlichkeit der innerkatholischen Reform im 16.Jahrhundert, der den Kardinalshut mehrfach ausgeschlagen hatte. Mit seiner Idee von einem „Oratorium” versammelte er eine Gemeinschaft von Priestern und Laien um sich und stellte die Seelsorge in den Vordergrund seiner Arbeit. Auch von seinem besonderen Kleidungsstil und seiner humorvollen Art berichteten viele Zeitgenossen.

In einer Probenwoche im September 2o14 probierten wir einfach alles mögliche aus. In den Arbeiten von Stefan und Samira ist Musik ein zentrales Element, das wir auf jeden Fall auch nutzen wollten. Also brachten beide neben einer Anzahl von Instrumenten auch verschiedenste Materialien und andere farbige Stoffe mit in die St. Hedwig. Wir hängten einen langen schwarzen Mantel, der als Innenfutter orangefarbenen Stoff barg in den Mittelgang, eine kleine Holzfigur sollte aus Neris Kindheit erzählen. Auch die Chorempore zu nutzen, waren wir uns schnell einig.

Die zentralen Fragen waren für uns: Was machte diesen Heilgen aus? Welche Stationen seines Lebens wollen wir in oder vielleicht sogar vor der Kirche zeigen? Gibt es Zitate von oder über Neri, die wir benutzen können? Wie können wir den Geist Neris darstellen?

Am 28. September präsentierten wir ein „Puppenspiel zum Leben von Philipp Neri“. Leider ein wenig zu wenig aus seinem Leben. Nach der Aufführung sprachen uns einige Gemeindemitglieder an und lobten unsere „schönen Bilder“, hatten aber auch berechtigte Kritik an unserer Aufführung. Es wurde nicht deutlich, was wir über Neri sagen/zeigen wollten. Der Wunsch nach „etwas in der Hand“ wurde an uns heran getragen – ein Begleitzettel. Das Lied, das Samira und Stefan auf Englisch sangen, wurde nicht verstanden und überhaupt „dann eher italienisch oder Latein“. Die Maske sei auch etwas zu gruselig geraten.

Mit dieser Kritik konnten wir leben, denn für uns war klar, die Aufführung in der St. Hedwig in Böhlitz-Ehrenberg wollten wir – allein wegen der kurzen Probenzeit – als work-in-progress präsentieren. Die geplante Tournee war ja erst fürs Jubliläum 2o15 angesetzt.

Für die Proben in der Liebfrauenkirche planten wir zwei Wochen Mai 2015 ein. Zu viel Proben schadet der Kreativität – sagen einige Profis – und schließlich gab es ja schon Motive, die wir unbedingt beibehalten wollten: Das Studierzimmer Neris auf der Chorempore und sein Studium der heiligen Schrift; Neris Wallfahrten, die durch ein rotes Terraband symbolisiert wurden und für seinen Humor oder vielleicht besser ausgedrückt die kindlich-naive Art, die er sich erhalten hat, planten wir ein Spiel mit überdimensionalen Luftballons ein.

Für die Aufführung am Philipp-Neri-Tag (26.5.) in Leipzig veränderten wir den Titel „Theaterperformance zum Leben eines Heiligen“. Doch wie erzählt man vom Leben eines Heiligen? Wie lässt sich die Spiritualität für ein Publikum erfahrbar machen?

Während der Proben in der Liebfrauenkirche bestand die größte Herausforderung darin, den großen – im Vergleich zur St . Hedwig – Kirchenraum zu bespielen. Auch die Figur des Philipp Neri musste eindeutiger etabliert werden – größer werden. Dafür kreierten die beiden Figurenspieler eine Maske, der Totenmaske Neris nachempfunden, von der es einen Abguß in der Kirche gibt. Zusätzlich sollte Papier – als Idee des geschriebenen Wortes/der Bibel eine größere Rolle spielen. Man kann auch sagen, dass das Papier nun ein zentrales Element der Performance wurde, denn zusammen mit einem kleinen Figurenkopf bzw. der Maske wurde daraus „unsere“ Heiligenfigur. Katas Installation eines riesigen Stoffballens, der von unten beleuchtet im Mittelgang er Kirche hing, stellte Neris pochendes Herz dar – ein Sinnbild von Philipps „Pfingstoffenbarung“. Ein Jurtengerüst, das aus Kata Diplomarbeit stammt, diente uns dazu eindruckvolle Schatten hinter dem Alter zu erzeugen.

Zusätzlich dazu schmückte Kata die Neri-Figur der Liebfrauenkirche mit bunten Bändern und installierte eine an die mittelalterliche Tradition der Gabenhängung nachempfundene Wand mit Neonlichtern, die durch die bunten Bänder mit der Neri-Figur verbunden war.

Zusammen mit einem Handzettel mit Informationen zur Aufführung, und Texten und Anekdoten über den heiligen Philipp Neri, die Sofia Flesch-Baldin – eine befreundete Radiosprecherin von Samira und Stefan – für uns einsprach, konnten die Zuschauer den sogenannten roten Faden mitverfolgen.

Hatten wir in Böhlitz-Ehrenberg die Zuschauer mit farbigen Ballons spielen lassen – sie wollten gar nicht mehr damit aufhören – so entschieden wir uns in Lindenau für eine andere Art des MITeinander, um die Idee des Oratorium als einer (Lebens)Gemeinschaft zu versinnbildlichen: Das Publikum sollte – von Stefan angehalten – blaue Handabdrücke auf Philipps Umhang aus Papier hinterlassen. Doch leider zögerte das Publikum.

Wie werden die Zuschauer in Aachen, Heidelberg und Schmochtitz reagieren ? Wie werden die Räumlichkeiten dort unsere Performance und die Umsetzung unserer Ideen und Bilder zu Neris Leben und Wirken beeinflussen? Eine Performance ist einmalig. Zeit- und Ortsgebunden. Eine ÜBERsetzung/Transformation eines Textes/Idee in Bilder. Vom geschriebenen Wort in eine (über)sinnliche Erfahrung für alle beteiligten: Spieler und Zuschauer. Beiderseitig.

Für Samira, Stefan und mich war es im Gegensatz zu Kata, die die zusammen mit ihrem Mann Bernd die Anregung zu dieser Performance gab, war es die erste Arbeit mit einem geistlich-religiösen Inhalt. Dazu passt auch eine letzte Bemerkung, die Pfarrer Michael Jäger uns nach unserer Aufführung mitteilte: Der heilige Philipp Neri sei der Schutzpatron der Schauspieler.

(Katja Klemer)